Horde - Beschreibung
April 30th, 2006
Horde ist eine Installation, die ebensosehr glanzvolles skulpturales Objekt wie technisches Netzwerk ist. Etwa einhundert knapp handtellergroße Apparaturen bewegen sich vibrierend auf einer weiß schimmernden Plattform und senden ein vielstimmiges Konzert sprachlicher Botschaften in den Raum. Was anfangs als Stimmgewirr erscheint, erweist sich bald als Chor enzyklopädischer Fragmente, die verschiedenen Fachtexten zu den Themen Information, Desinformation und Informationsgewinnung entnommen sind.
Jeron entwickelt im Kunstverein ein symbolisches Welttheater der Informationsüberflutung, in dem die technischen Werkzeuge die Bühne beherrschen. Die Wissensgesellschaft ist hier ein Insektenstaat vernetzter Akteure; ein absurder Chor, der den Überfl uss besingt. Was der Künstler hier als Bild verdichtet, ist für Dominik Kuropka, Jerons wissenschaftlichen Partner, Anlass für die Suche nach Lösungsansätzen. Der Wirtschaftsinformatiker, der über Informationsgewinnung und -filterung forscht, überträgt im Luisenforum an der Brandenburger Straße sein angestammtes Instrumentarium auf Jerons verführerische Informationskomödie. Unter Kuropkas Händen entsteht parallel zum Kunstwerk eine alternative Installation. In ihr werden die Wände des Ausstellungsraums zu den Achsen eines Koordinatensystems, in dem sich Jerons Texte rational beurteilen und anordnen lassen. Das künstlerische Rohmaterial erscheint nun nach einheitlichen Kriterien gewichtet als Schar von Dokumenten im Ausstellungsraum. Kuropka destilliert eben jenen Gehalt aus der Kunst, der sich informatisch erfassen lässt und führt dem Publikum ein Exempel wissenschaftlicher Anschaulichkeit und Lösungsorientiertheit vor Augen. Die Ausstellungsbesucher erhalten während der Art + Science -Reihe so die Möglichkeit, abwechselnd die künstlerische und die wissenschaftliche Perspektive einzunehmen und so nicht nur zu erfahren, wie Kunst und Wissenschaft in einen Dialog eintreten können, sondern die Kunst mit Hilfe der Wissenschaft und die Wissenschaft mit Hilfe der Kunst zu entschlüsseln. Statt künstlerischer Science Fiction entsteht so eine Konkurrenz der Perspektiven, anhand derer sich die Frage untersuchen lässt, wie Kunst sich der komplexen und hochspezialisierten Wissenschaft annähern und wie Wissenschaft von den radikal-eigensinnigen künstlerischen Denkweisen profi tieren kann: Zunächst durch den Vergleich der jeweiligen Eigenheiten beider Disziplinen.
Künstler und Wissenschaftler interpretieren ihre Kollaboration als Konkurrenz der Weltbilder. Wo der Wissenschaftler mit seiner angestammten Technologie und selbst entwickelten Software-Tools die Informationen zu ordnen versucht, verschärft der Künstler das Chaos. Karl Heinz Jerons Sound-Vehikel tragen zum Rauschen der Information bei, statt es zu mildern. Sie verdichten den Informationsüberfluss, den Dominik Kuropka in seiner Arbeit täglich bekämpft, zum fassbaren räumlichen Bild. Was also geschieht? Demystifi ziert der Forscher den Künstler, indem er dessen Arbeit für eine rationale Parallellektüre aufbereitet? Oder zeigt die Kunst, dass Wissenschaft vieles kann, es aber nicht vermag, eine bildhafte Interpretation des Ganzen abzugeben? Kann die Wissenschaft das Problem lösen, während wir aber ohne Kunst das Problem gar nicht erkennen?
Die Vehikel bewegen sich in Familiengruppen nach einem für die Betrachter nicht nachvollziehbaren, spontan erscheinenden Rhythmus. Der Klang bildet eine an- und abschwellende von unten nach oben aufsteigende Kakophonie der Information und Desinformation. Im Zentrum des unteren Bildes: Der Nullpunkt des von Dominik Kuropka verwendeten Koordinatensystems, repräsentiert durch einen grauen Kubus, der es dem Besucher ermöglicht, die rationale Idealperspektive einzunehmen.